form+zweck 11+12
Reparatur, Zoo, Art Déco



editorial

Alfred Sohn-Rethel
Das Ideal des Kaputten.
Über neapolitanische Technik


Matt Price
Unscheinbare Stützen des Gebrauchs.
Reparaturformen des Handwerks


Hans G Helms
Die Unsichtbarkeit des Falschen (Gespräch)

Matt Price
Zur mechanischen Rekonstruktion des Körpers und der Seele.
Jule Amar und die Ertüchtigung der Krüppel


Angelika Petruschat
Fecit - Gemacht

Henk-John Hipfel
Der Bastler muß nicht, er will

Jack Burnett-Stuart
Durchgangsbad.
Gegen die Zwangsläufigkeit des Üblichen


Michael Matuschka
Durchgangsbad. Gegen die Zwangsläufigkeit des Üblichen

Jürgen Patzak-Poor
Durchgangsbad.
Gegen die Zwangsläufigkeit des Üblichen


Norbert Mutschmann
Schienenbus. Gestaltungskonzeption zur Rekonstruktion des Wagenparks der Karsdorfer Eisenbahngesellschaft

Mark Tilden
Die wilden Roboter räumen auf

Bernd Brunner
Neger, Tiere, Sensationen.
Mit der Stadtbahn in die Kolonien


Christoph Schilling
Nachfrage muß gezüchtet werden.
Die Eroberung der Schweizer Küche durch den neuen Brennstoff Gas


Monika Fecht
L‘Exposition internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes.
Paris 1925 Teil II: Die Pavillons


Jörg Petruschat
Vom großen Refraktor zum Einsteinturm.
Eine Ausstellung auf dem Telegraphenberg des astrophysikalischen Instituts Potsdam






Editorial

Schlimmer als die Ermordung der Dinge ist ihre Reparatur. Der Zynismus besteht darin, das, was nicht funktionierte, wiederherzustellen. Reparatur ist die Verlängerung unvollkommenen Daseins.
Herausragend im Repertoire der Grundmotive fürs Reparieren ist die Kleinmütigkeit, sich vom Kaputten nicht trennen zu können, Verzagtheit im Überwinden des Ungenügenden — Seelenklempner, Flickschuster, das langweilige Heer der Dummen, die sich im Netz der Mach-es-doch-selbst-Kampagnen verfangen haben, Verdienstunwillige, die die Baumärkte am Rande der Metropolen nach no-name-Werkzeug absuchen — Leute also, die, statt mit richtigem Kapital unternehmerisch zu klotzen, mit dem Verkleckern ihrer freien Zeit und ihrer Sozi-Kohle die Konjunktur großer Handelsketten finanzieren.
Reparieren ist die Wiedererweckung der Mühsal — es verhindert den Erfolg dessen, was alles schon leichter, automatischer, intelligenter, formschöner geht. Es versagt die befreiende Lust, die im Wegwerfen liegt, versagt den Selbstgenuß an der eroberten Sprosse in der konsumistischen Gesellschaft, dessen Gipfel der freiwillige Verzicht auf das noch Brauchbare ist, es verklemmt die Emanzipation von der Last der Dinge, vom Materialismus in der Welt.
Wer nicht verändern will, repariert. Und damit es doch so aussieht als habe sich etwas zum Guten getan, gibt man diesem Vorgang dann die Sprache der Güte: die Umwelt oder auch die Städte werden saniert, was ja bekanntlich vom selben Wortstamm kommt, wie Sanitäter und Sanatorium, also eben vom Versprechen auf Heilung. Und da wir keine extremistische, keine radikalistische, die Dinge bei der Wurzel anpackende, keine innovative Zeitschrift sind, weil uns schon bei der Vorstellung von sozialen demokratischen Reformen der Herzsprung droht, haben wir uns diesem wertkonservativen Thema auf einigen Seiten zugewandt.

Jörg Petruschat