| 
| |
Editorial
Schlimmer als die Ermordung der Dinge ist ihre Reparatur. Der Zynismus besteht darin,
das, was nicht funktionierte, wiederherzustellen. Reparatur ist die Verlängerung
unvollkommenen Daseins.
Herausragend im Repertoire der Grundmotive fürs Reparieren ist die
Kleinmütigkeit, sich vom Kaputten nicht trennen zu können, Verzagtheit im
Überwinden des Ungenügenden Seelenklempner, Flickschuster, das
langweilige Heer der Dummen, die sich im Netz der Mach-es-doch-selbst-Kampagnen
verfangen haben, Verdienstunwillige, die die Baumärkte am Rande der Metropolen
nach no-name-Werkzeug absuchen Leute also, die, statt mit richtigem Kapital
unternehmerisch zu klotzen, mit dem Verkleckern ihrer freien Zeit und ihrer Sozi-Kohle die
Konjunktur großer Handelsketten finanzieren.
Reparieren ist die Wiedererweckung der Mühsal es verhindert den Erfolg
dessen, was alles schon leichter, automatischer, intelligenter, formschöner geht. Es
versagt die befreiende Lust, die im Wegwerfen liegt, versagt den Selbstgenuß an der
eroberten Sprosse in der konsumistischen Gesellschaft, dessen Gipfel der freiwillige
Verzicht auf das noch Brauchbare ist, es verklemmt die Emanzipation von der Last der
Dinge, vom Materialismus in der Welt.
Wer nicht verändern will, repariert. Und damit es doch so aussieht als habe sich
etwas zum Guten getan, gibt man diesem Vorgang dann die Sprache der Güte: die
Umwelt oder auch die Städte werden saniert, was ja bekanntlich vom selben
Wortstamm kommt, wie Sanitäter und Sanatorium, also eben vom Versprechen auf
Heilung. Und da wir keine extremistische, keine radikalistische, die Dinge bei der Wurzel
anpackende, keine innovative Zeitschrift sind, weil uns schon bei der Vorstellung von
sozialen demokratischen Reformen der Herzsprung droht, haben wir uns diesem
wertkonservativen Thema auf einigen Seiten zugewandt.
Jörg Petruschat
| |