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| | Editorial
Verliebt sind wir in die Apparate, sagt Marshall
McLuhan. Diese Liebe aber, so fügt er hinzu als wäre das Kritik, sei Narzismus.
Wir lieben die Apparate, weil sie nach außen gelagerte Sinnesorgane sind, Organe,
die Mensch von sich abgetrennt hat, amputiert. Und so lieben wir in den Apparaten ein von
uns abgestoßenes Teil unseres Selbst. Tatsächlich gehören die
Experimente mit Leichenohren in die Vorgeschichte des Telefons, viele sehen in der
Fotokamera ein künstliches Auge und heute im Internet ein nach außen
gelagertes Zentralnervensystem. Diese Amputationen von Ohr bis Hirn - so meint McLuhan
- schütze das empfindsame Nervenkostüm. Die Abtrennung entlaste den
Menschenkörper von den Reizen, die auf ihn treffen und von den Anforderungen,
denen er unterworfen ist, sie ermögliche die Beschleunigung und Ausreizung der
jeweiligen Organfunktionen - das Rad ein rotierender Fuß. Folgt man diesen
Gedanken, dann wäre es geradezu eine Überlebenstechnik, die eigene
Wahrnehmung in Form des Fernsehens zu amputieren, um die Bilder, die die Welt von sich
gibt, ertragen zu können. Der kleine Nebeneffekt: diese Sicherung der empfindsamen
Nervenfasern wirkt wie eine Droge – sie macht von den technischen Medien
abhängig. Heute bereits kann Mensch dieser Nervensicherung nicht mehr entsagen.
Wie soll er die Verhungerten auch ertragen ohne Fernsehen?
Nun, diese Abhängigkeit jedenfalls nennt McLuhan Narzismus: Mensch liebt die
Apparate, weil sie im Grunde er sind.
Ich halte die Nachbetung dieser Geschichten für Dummenfang. Das Telefon ist
nicht das verlängerte Ohr und der Computer nicht das amputierte Gehirn - obwohl sich
mit diesen Bildern schon ein Schabernack treiben läßt. Schon die Liebe zu den
Apparaten ist ein schief gesetztes Bild. Narziß liebt nicht die Reflexionsfläche,
sondern den Jüngling, der auf ihr erscheint, das Geheimnis des Telefons ist nicht das
abgetrennte Ohr, sondern das Netz, das die Teilnehmer identifizierbar macht. Auch
wiederholt der Computer nicht die Windungen unseres Hirns. Er prozessiert
Repräsentanz in Form einfachster, deshalb universell ausfaltbarer Signalsteuerung.
Das ist es, was McLuhan die Botschaft der Medien nennt und Neil Postman in den Satz
gießt: Wir amüsieren uns zu Tode. Diese Botschaften aber sind nicht die des
menschlichen Körpers. Die Botschaft der Medien ist strukturierte und prozessierte
Kommunikation, das, was Körper gemein macht. Hier von Prothesen zu reden, oder
auch nur zu denken, ist Geistesschwäche. Der Mythos von der Prothetik der Medien,
ihre Verzeichnung als Menschenteil ist der Versuch, sie zu beschwören, ist
Vergötzung oder Dämonisierung prozessierter Kommunikation.
Naturvölker stellen Natur sich göttlich vor, weil Bestechung und Opfer, also
Sozialtechniken, dem Übermächtigen Erfolg abringen. Der nachgeschichtliche
Mensch stellt die entlaufenen Apparaturen sich übermenschlich vor, um die Fremdheit
zu tilgen, die dem Selbsterzeugten innewohnt.
Geistesschwach ist die Vorstellung, die Medien seien amputiertes Teil von uns, weil mit
der Anthropomorphisierung der Apparate deren Differenz zum Menschen verschwindet, auf
die ihre Funktionalität gegründet ist. Technische Medien prozessieren
Kommunikation nicht weil sie übermenschlich, sondern weil sie unmenschlich sind.
Diese Unmenschlichkeit aber ist kein moralischer Vorfall, der durch Lebendigkeitsbilder
kaschiert werden muß, sondern eine historische Tatsache. Freuet Euch, daß das
Unmenschliche deutlich wird. Ihr sollt Euch davon trennen, aus ihm heraustreten, es Sein
lassen. Dieser Schritt ist keine Geste des Verzichts, die Grenzziehung zu den Apparaten ist
ein geradezu unüberschaubar breites Aufgabenfeld.
Geschichtlein von Prothesen, erfunden in den industrialisierten Kriegen zur
Ertüchtigung der Krüppel, sollen nur Zufriedenheit verbreiten, damit die
Härte, die dem Lebendigen angetan wird, dem Menschen nicht so hart vorkommt;
Mythen sollen der Welt die Unheimlichkeit nehmen.
Auf, auf Ihr Designer! Jetzt ist es noch einfach, eine
menschliche Welt vorzustellen, jetzt ist die automatische Produktion, die uns vermittelt, noch
kriegstechnisch figuriert, in hartem, fordistischen Material. Gentechnologisch wird die
Grenze zum Unmenschlichen viel schwerer zu ziehen sein.
Jörg Petruschat
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