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I
Der Architekt Gottfried Semper hat Mitte des 19. Jahrhunderts eine Theorie der
Bekleidung entwickelt. Er wollte damit das bloße Recycling von Formen, das zu seiner
Zeit üblich war, beenden und dem architektonischen Entwerfen neue Perspektiven
eröffnen. Semper sah den Ursprung der Architektur im Textilen, im Weben und
Flechten mit der Hand, in der leichten Architektur der Nomaden. Die Gewandung
umhüllt den Raum menschlicher Kultur, an ihr drückt Gestik und die Zuneigung
sich ab. Das archi-textum umgrenzt den Ort, den Herd. Die Feierlichkeit, das Fest
geben der Gewandung Muster und Ornat. Semper soll gesagt haben, Wände seien
dazu da, Teppiche an ihnen aufzuhängen. Tatsächlich stellte er das
Symbolisch-Kulturelle höher als das Technisch-Konstruktive. Im Kulturellen, nicht in
der Technik des Bauens sah Semper die Zweckmäßigkeit der Architektur.
Daß Wände ein Dach zu tragen haben, daß die Konstruktion
Gesetzlichkeiten unterliege, übersah Semper nicht. Aber diese Probleme waren ihm
bloß technischer Natur, keine Aufgaben ästhetischer Art. Semper hatte früh
verstanden, daß Symbole die Menschenwelt begründen, daß Natur mit
ihnen nur bezeichnet, das heißt: erhöht und gesteigert werden kann. Wunderbar
erschien ihm das Griechische, das Zierat mit demselben Wort benannte wie das gestirnte
Himmelszelt.
Diese Bekleidung der naturgesetzten, der technischen Welt durch symbolische Kultur
gibt Semper eine merkwürdige Aktualität. Nach dem kurzen Intermezzo, in dem
Formen angeblich Funktionen folgten, die Technik selbst zu symbolischer Kraft gesteigert,
die Teppiche von den Wänden gerissen, die Fassaden von den Häusern, die
Ornamente von den Tassen geschlagen wurden, sind heute vor die Technik abermals
Symbole aufgehängt. Die Rechner, persiflierte einer unbewußt den Semper,
seien ja nur dazu da, um Entwürfe an ihnen vorzustellen. Doch halt: diese Vorstellung
der Symbole ist nicht menschlicher Art. Technisch ist ihr Ursprung. Diese Symbole sind
nicht Ausdrücke der Menschenhand, kein Körper, keine Sehnsucht spricht in
ihren Linien sich aus. Die Verknüpfung von Körper und Symbolik ist heute
aufgelöst. Elektronische Prozessierung von Zeichen wird denn auch
Symbolverarbeitung genannt: eben weil Symbole durch Elektronen (und nicht durch
Menschenhand) verarbeitet werden. Das Graphische ist schon verschwunden –
räumlich werden interfaces simuliert. Dieses Auffressen der
symbolischen Welt durch die digitalen Technologien ist es, die Sempers
Bekleidungstheorie heute ins Aberwitzige zieht. Verrückt sein Anspruch, der Technik
ein Dasein und der Kultur Autonomie zu geben.
II Just in time wird Gestaltung von allen Keimen kultureller
Autonomie gereinigt. Angestöpselt an digitale Technologien verschlingt das Design
die symbolische mit der technischen Welt. Ohne Symbolverarbeitungsmaschinen ist
Gestaltung unvorstellbar schon geworden. Ateliers müssen Hacker und Informatiker
mieten, die Güte von Entwurfsleistungen wird an ihrer Digitalisierbarkeit (an der
Zerlegbarkeit der kulturellen Welt) gemessen - nur so ist es vorstellbar (in Katalogen und
auf web-sites), nur so ist es kalkulierbar (rechnet es sich), nur so ist es herstellbar
(ansteuerbar in der Produktion und verteilbar durch die distributers). Die Verluste an
professioneller Besonderheit und Kompetenz jedoch sind weit fataler:
Allgemeinverständliche Bedienoberflächen haben das Gestaltungsmonopol
gebrochen und man weiß nicht recht, ob es tragisch, komisch oder bloß
demokratisch ist, daß jede Optimierung der software-interfaces durch Designer
Designer brotlos machen wird. Digital ertüchtigte Bürger werden ihre
Lebensmuster selbst zusammenstellen und die Fabrikationssysteme – Gentechnologie ist
gerad der letzte Schrei – liefern sie hemmungslos aus. In einer elektronisch
eingeschränkten Welt ist Design nichts anderes als redundant: Geschwätz der
Technik.
III Viele glauben mittlerweile, die europäische Kultur sei von
Ursprung und Tendenz eine Medienkultur. Die Post habe Absender und Addressaten
erzeugt, Radios die Hörigkeit, das Fernsehen die Manipulation, die Arenen die Stiere,
die Troquateure und die roten Fahnen. Mit der Titanic, so fürchten oder
wünschen sie, gingen gleich die ganze mechanische Kultur, und das heißt eben
auch: unser Körpermaschinchen, unter, und Zukunft sei, mit warp 2 in die
Turing-Galaxis einzubiegen. Das ist schlicht und es ist falsch. Bevor nämlich das
Buchstabenwissen durch fleißige Trucker und bewegliche Lettern massenhaft
produziert, reproduziert und verlegt wurde, gab es bereits industrialisiertes Gewerbe
kultureller Bedeutungsträger – nicht als Medienereignis, nicht in buchstabierter Form,
nicht virtuell, sondern stofflich: als Textil. Aus der Textilherstellung stammen die Begriffe von
Muster und Standard, mit denen die moderne Entwicklung beginnt. Daher kommt im Design
wie in der Produktion die Strategie, Verbindlichkeit durch Vorlagen herzustellen. Über
textile Speicherung erreichte fremde Kultur (chinesische, arabische, indische, slawische)
die europäischen Haushalte, vermögende und weniger vermögende. Bei
der Verflechtung von Geweben entstand das Prinzip industrieller Reproduktion und
planmäßig disziplinierter Arbeit, und nicht bei der Vervielfachung von
Buchstaben, wie Medientheoretiker neuerdings nicht müde werden zu behaupten.
Selbst die Sammlung, Weiterreichung, Verstärkungen, Verwaltung von Symbolen – die
matrix der Medien – geht, so scheint\'s, auf die textile Musterung zurück.
IV Ohne Textilverarbeitung keine Symbolverarbeitung. Vom Webstuhl
stammt die digitale Programmierung von Prozessen her, die Lochkarten zur Steuerung der
mechanischen Apparatur wurden von Jacquard mit Garn verknüpft.
Dieses Ineinander und Auseinander von textil processing und text
processing hat unser Interesse, am Ursprung von Musterbildungen, an der Herkunft von
Geweben geweckt, an künstlichen Häuten, an Bekleidungen, die
umhüllen, auszeichnen, normalisieren. Bevor Lautsprache auf Bilder gestützt, ja
bevor in Knochen, Holz und Steine Graphen gegraben wurden, gestikulierten Hände
das Verbindende und Trennende, das Entwirren und Verflechten.
War die Musterung durch Kette und Schuß Vorbild für Zeilenfall und
Formatierung? Ist das Gewebe, Urbild der Rasterfahndung, der Koordinatensysteme, des
Regals wie des Gitters, ein Archetypus von Ordnung, von Vergleichbarkeit, von Typisierung?
Beruhen Tabellen, Diagramme, Statistiken auf dem koordinierten Einfangen der
Realität in textilen Strukturen?
V Text und Gewebe, alphabetische und geknüpfte, numerische
und synthetische, wirken als Oberfläche: das Auge liest sie ab, die Hand fühlt
den Stoff, das Papier. Texte entstammen Druck- und Schichtungsprozessen. Textilien
entstammen Verknüpfungsoperationen, ihre Gestalt ist nicht aufgetragen, sondern
räumlich konstruiert. Sie geben den Händen, was der Text dem Auge nicht
geben kann: eine begreifbare Wirklichkeit. Daß Textilien begreifbarer sind als Texte hat
ihren kulturellen Status nicht erhöht. Das Gegenteil ist der Fall. Unbegreiflichkeit ist
the state of the art. Nicht die Hand, das Auge ist das herrschende Organ, und es ist
gerade die Unfähigkeit des Auges zum Begriff, zur Mechanorezeption, es ist die
Unangreifbarkeit des Blickes, auf der die Überwachung und Kontrolle der
Handbewegungen beruht.
Für warenproduzierende Gesellschaften ist das Verhältnis von Auge und
Welt im Fluchtpunkt, pyramidal gefaßt. Seit der Renaissance gehört das Auge
nicht dem Handarbeiter, der zwischen den Dingen, sondern dem Kopfarbeiter, der
über den Dingen steht. Moderne Entwicklung beginnt mit einer Aufteilung und sozialen
Hierarchie der Sinne: die Augen und Münder für die Kommandeure, die sind
vorn, Hände und Ohren für die Werktätigen, die sind seitwärts
angebracht.
Für das Kommando und die Kontrolle der Hände wurde die Motorik der
Hand den Augen integriert, Planimetrie und Anschauung dominieren Produktion und
Gebrauch. Mechanische Verkettungen, Form- und Kraftschluß vertrieben
schließlich Hand und Körperkraft aus den Maschinsystemen und
übertrugen die handgreifliche Wirklichkeit vollends dem Augenblick. Der begriffliche
Apparat degenerierte. Überschießende sexuelle Energien wurden in
Leibesübungen kanalisiert oder beim Fernsehen ausgesessen.
Seit den Händen das Begreifen genommen wurde, verlieren auch die Texte ihre
begriffliche Präzision – Sprache heute ist ein Spiel der Worte. Plötzlich wird
erkennbar, daß die Einführung der Perspektive in das Sehen auf die
ausgestreckte Hand gegründet war. Der Distanz beraubt schlagen Augen nun auf
Oberflächen. Buchstaben werden zu unüberwindlichen Hindernissen,
Lesehemmungen werden schick drapiert. Ohne Begriff sind die Dinge nicht umfassend
mehr, Rückwärtiges wird unerreichbar. Oberflächen ringsumher. Augen
fingern Tastaturen. Das Erschrecken hat die Unbegreiflichkeit verloren.
Jörg Petruschat, April 1998
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