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| | Editorial
Die Wirklichkeit, so glaubt man heute, sei bloße Konstruktion. Je nach
symbolischem Bestand erzeugen Hirne wie Computer ihre Aktionswelten: Der Hammer im
Hirn macht die Welt zum Nagel, Leiber werden zu Resultaten genetischer Programme,
Politik zum chirurgischen Eingriff – das sind die Gewinne des symbolischen Kapitals.
Allerdings drängt das Reale noch immer lästig sich in virtuose Welten ein.
Dem an sich Bedeutungslosen kann nur der Erlebnis abgewinnen, der ans Reale glaubt.
Symbolische Formen bedürfen des Fleisches, um in Lust umzuschlagen, Punkte der
Augen, um zu Gesichten gerafft zu werden. Das ist der Widerspruch: Jede Einlassung auf
virtuelle Realitäten, jeder Versuch, mit edierten Welten zu verschmelzen, scheitert an
der unterschiedlichen Natur von Leib und symbolverarbeitendem System. Gerade das
interface, jene Dimension, gemacht, die Brücke zur systematischen Verwaltung
des symbolischen und imaginären Kapitals zu bauen, markiert den fundamentalen
Unterschied. Die Differenz zwischen Nervenende und Symbolverwaltung generiert die
Information, ohne die garnichts lustig, keine Illusion über Technik, keine Verwaltung
des humanen Kapitals möglich wäre: das absolutebit.
Diese Begrenztheit verdankt der Menschensinn nicht den Maschinen. Die Wirklichkeit
läßt uns nicht los. Sie allein haben wir gelernt, via Zeichen zu apportieren.
Damit Papiermaschinen und Computer Reales verwalten und emulieren können,
muß das, was unsere Wirklichkeit heißt, zum Datum werden. Im Unterschied zu
den geruhsamen Zeiten der Magie hat die industrielle Gesellschaft dafür rationelle
Verfahren der Zeichengebung entwickelt. Wie wird Mensch, sein Verhalten, seine Gestik,
seine Geschäftigkeit zum Datum? Jo Krausse beschreibt die Entstehungsgeschichte
der modernen Diagrammatik, das Zusammenspielen und Ineinanderlaufen von Landkarte
und Tabelle, von Kartographie und Statistik. Peter Fibich zeigt an der Geschichte des
Häftlingswinkels wie eine simple Geometrie zur Markierung der Sache Mensch, zur
Erinnerung ans industriemäßiger Töten wie zur Verdrängung dieser
Erinnerung verwendet wurde, Stefan Wachter steckt seine mathematischen
Fähigkeiten in Maschinen, die menschliche Bewegungen erkennen, interpolieren und
intepretieren sollen, und der GraphicDesigner Pierre di Sciullo entwirft für die Tuaerg
eine Computerschrift, damit die Nomaden, deren Schrift älter ist als alle
europäische Notationssysteme, an der Verwaltung des Abendlandes teilhaben
können.
Jörg Petruschat
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