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| | Editorial
In seinem Buch ÈDie HandÇ berichtet Frank R. Wilson von George McLean, der in
den fünfziger Jahren zunächst in Stanford einen Collegeabschluß in Kunst
machte und anschließend nach Los Angeles ging, wo er Kraftfahrzeug- und
Industriedesign studierte. Nach einem kurzen Abstecher bei der Navy ging McLean nach
Stanford zurück, um den Master in Kunst und Kunsterziehung zu erwerben.
ÈIn dieser Zeit, 1959, ereilte ihn das Unglück:
Ich arbeitete in einer kleinen Werkstatt, die wir uns zu Hause eingerichtet hatten, und
griff nach unten, um eine Säge auf die übliche Weise auszustellen, so wie ich es
von einem anderen Gerät gewöhnt war. Da bemerkte ich, daß der Schalter
aif der anderen Seite war. Ich faßte untern durch und kreuzte dabei den Weg des
Sägeblattet. Natürlcih war mir sofort klar, daß ich etwas extrem Dummes
getan hatte. Augenblicklich schloß ich die Augen, packte meine Hand, um die Blutung
zu stoppen und bat meinen Schwager, der sich mit mir in der Werkstatt befand, mir einen
Druckverband anzulegen und einen Krankenwagen zu holen. Während er das
erledogte, fragte ich ihn: ÝSag mir nur eins - hab ich den Daumen noch?Ü Er antwortete: ÝJaÜ,
und ich: ÝIch dachte mir, daß ich ihn gesehen habe. Okay.Ü
Er glaubte, solange er seinen Daumen hätte, könnte er die Hand noch zum
Halten verwenden. Dann hätte er die Fähigkeit zum Greifen. Und in der Tat hatte
er seinen Daumen behalten, allerdings die anderen vier Finger der rechten Hand verloren.
Er wurde in ein Krankenhaus gebracht und operiert. Am nächsten Tag kam ein
Chirurg und erklärte ihm, wie es weitergehen sollte: Er mußte lernen, sich seiner
linken Hand zu bedienen. Die erste Übung, die seine linke Hand darauf vorbereiten
sollte, die Aufgabe der rechten zu übernehmen, war eine Standardaufgabe in solchen
Fällen: Er mußte eine Halbdollarmünze über die Finger wandern
lassen.
Ich brauchte eine halbe Stunde, bis ich es in beien Richtungen konnte, ohne sie
fallenzulassen. Nach einer weiteren halben Stunde konnte ich es mit einem
Zehncentstück. Zum Frühstück gab es ein gekohtes Ei, noch in der
Schale.
Nach ein oder zwei Tagen begann ich mit der linken Hand zu schreiben und stellte fest,
daß ich auf dem Kopf und rückwärts schreiben konnte. Die Buchstaben
hatten eine etwas andere Neigung, ansonsten unterschied sich die Schrift nicht sonderlich
von der meiner rechten Hand.
George war entschlossen, alles mit der linken Hand zu schaffen, was er vorher mit der
rechten getan hatte, Und dazu gehörte, spiegelbildlich zu zeichnen.
Um unsere Fähigkeit zu genauem und perspektivisch richtigem Zeichnen zu
schulen, mußten wir an der Kunsthochschule ein Auto so entwerfen, daß ein
Betrachter, der einen anderen Standpunkt hatte, es richtig sah. Auf diese Weise haben wir
wirklich Genauigkeit im Umgang mit perspektivischen Verhältnissen gelernt.
Übrigens war eines meiner Lieblingsfächer auf der Junior-Hoghschool
Schriftsetzen. Dabei geht man umgekehrt herum und rückwärts vor. Ich konnte
das sehr gut.
Nachdem George sich von dem Unfall erholt hatte, arbeitete er als freischaffender
Künstler, lebte ein Jahr in England und begann 1962, an einer Junior-Highschool in
Palo Alto Kunstunterricht zu geben. Seine Schüler überredeten ihn, einen Kurs in
Schmuckherstellung anzubieten. Das wurde George zum Schlüsselerlebnis. Drei
Jahre später eröffnete er sein erstes Juweliergeschäft, und seither stellt er
Schmuck her - inzwischen seit mehr als dreißig Jahren. 1979 wurde er Dozent an einer
bekannten Fachhochschule für Goldschmiede, der Revere Academy in San
Francisco
Juwelier wurde ich rund vier Jahre nach der Verstümmelung meiner rechten Hand.
Sobald ich wieder damit begann, miene rechte Hand zum Greifen zu benutzen, wurde mir
klar, wie wichtig mein Kunststudium war: Man hatte uns beigebracht, mit den großen
Armmuskeln zu zeichnen. Selbst für winzigste Details nahmen wir nicht die Finger.
Das heißt, ich war schon mehr oder minder darauf trainiert, mit meinem Daumen
zurechtzukommen.
Wie ich herausgefunden habe, ist die rechte Hand der Werkzeughalter und die linke der
Manipulator. Sie müssen das Werkzeug halten, daß es jedesmal dasselbe
macht. Das Werkstück drehen sie dann an die richtige Stelle.
Ganz selten hämmere ich mit der linken Hand. Es ist schwierig, weil sie das
Stück, an dem sie arbeiten, greifen müssen. Den Umgang mit den Werkzeugen,
die sie für die Schmuckherstellung brauchen, können sie in zwei oder drei
Monaten lernen. Aber sie müssen geschärfte Sinne haben. Das Gehör
brauchen Sie dafür und das Körpergefühl, das sich einstellt, wenn ein
Werkzeug das Werkstück berührt. Nehmen wir beispielsweise an, sie wollen mit
dem Schweißbrenner ein Stück Metall erhitzen, ohne es zum Schmelzen zu
bringen. Natürlich schauen sie dabei ganz genau hin. Zugleich aber achten sie auch
auf das Geräusch des Schweißbrenners. Sie können Veränderungen
in der Zusammensetzung des Sauerstoff-Gas-Gemischs hören. Gewißt spielt
das Sehen eine große Rolle, aber auch auf das Körpergefühl sind sie
angewiesen, das ihnen das Werkzeug vermittelt, wenn sie es richtig halten und wenn es
den richtigen Kontakt herstellt.
Beim Feilen oder Hämmern kommt noch das Geräusch hinzu. Wenn sie ein
Stück Metall hämmern, ist es, als ob sie eine Glocke läuten, und Feilen ist
fast wie eine Katze streicheln.
Ich habe die Erfahrung gemacht, daß ich nur einen ganz einfachen Ring herstellen
muß - eine einfache Röhre - , um hinterher ein Hochgefühl zu erleben,
wenn ich ordentliche Arbeit geleistet habe. Es macht mir Freude, Dinge herzustellen. So ist
das, glaube ich, schon seit meinem vierten Lebensjahr. Stets hat man mich zum Zeichnen
angehalten, und immer waren Material und Werkzeuge vorhanden, mit denen ich
experimentieren und arbeiten konnte.
Die meisten Menschen, die ich hier ausbilde, besitzen schon erhebliche Erfahrungen in der
Schmuckherstellung. Die wichtigste Voraussetzung: das, was ich Werkzeuggefühl
nenne, ist bereits vorhanden. Man braucht für diesen Beruf viel Geduld, eine
gehörige Portion Selbstkritik und muß ein bißchen introvertiert sein,
zufrieden damit, allein zu arbeiten und sich ganz auf seine Arbeit zu konzentrieren.
Als George von seiner Arbeit erzählte, sprach er von einem Èvisuellen VokabularÇ,
als beinhalte Schmuck eine nonverbale Geheimsprache. Nach seier Beschreibung kann
wenig Zweifel daran bestehen, daß seine Schmuckstücke aus verinnerlichten
Regeln hervorgehen, die dafür sorgen, daß die besondere Verbindung von
Materialien und Strukturelementen Bedeutung für ihn haben und den Stempel seiner
Persönlichkeit tragen. Wodurch unterscheidet sich dieser Prozeß von dem eines
Schriftstellers, dessen Geschichten sich aus Wörtern zusammensetzen, deren
Beziehungen von den Regeln einer Grammatik bestimmt werden? Sind die kundigen
Handbewegungen des Kunsthandwerkers Gesten, die ihre Bedeutung in feste Formen
schreiben, wie der Schriftsteller Wörter auf Papier schreibt? Wie weit stimmt dieser
Vergleich? Hat er möglicherweise eine Entsprechung in den Aktivitäten des
Gehirns?Ç
[Frank R. WIlson: Die Hand, S. 155-158]
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