form+zweck 18
Wohin mit den Händen?



editorial

Ute Brüning
Design beginnt mit Daten.
Zu Anthony Froshaug


Till Bruttel
Soziale Figuren der Hand

Axel Kufus
Wie kann ich etwas einfacher machen?

Gunnar Matschulat
Der Taktile Interaktions-Monitor

Jörg Petruschat
Bemerkungen zum Zeichnen

Jörg Petruschat
Siebzehn zu Achtzehn

Ulrich Reif
Der Taktile Interaktions-Monitor

Silke Rothkirch
Siebzehn zu Achtzehn

Frank-R. Wilson
Wozu sind Klaviere da? Gespräch mit einem Neurophysiologen über das Verhältnis von Denken, Wahrnehmung und Fühlen und was die Hand damit zu tun hat

Peter Unzeitig
Glückliches autonomes Rasenmähertier.
Zur technischen Rekombinierbarkeit der Sinne






Editorial

 

In seinem Buch ÈDie HandÇ berichtet Frank R. Wilson von George McLean, der in den fünfziger Jahren zunächst in Stanford einen Collegeabschluß in Kunst machte und anschließend nach Los Angeles ging, wo er Kraftfahrzeug- und Industriedesign studierte. Nach einem kurzen Abstecher bei der Navy ging McLean nach Stanford zurück, um den Master in Kunst und Kunsterziehung zu erwerben.

ÈIn dieser Zeit, 1959, ereilte ihn das Unglück:

Ich arbeitete in einer kleinen Werkstatt, die wir uns zu Hause eingerichtet hatten, und griff nach unten, um eine Säge auf die übliche Weise auszustellen, so wie ich es von einem anderen Gerät gewöhnt war. Da bemerkte ich, daß der Schalter aif der anderen Seite war. Ich faßte untern durch und kreuzte dabei den Weg des Sägeblattet. Natürlcih war mir sofort klar, daß ich etwas extrem Dummes getan hatte. Augenblicklich schloß ich die Augen, packte meine Hand, um die Blutung zu stoppen und bat meinen Schwager, der sich mit mir in der Werkstatt befand, mir einen Druckverband anzulegen und einen Krankenwagen zu holen. Während er das erledogte, fragte ich ihn: ÝSag mir nur eins - hab ich den Daumen noch?Ü Er antwortete: ÝJaÜ, und ich: ÝIch dachte mir, daß ich ihn gesehen habe. Okay.Ü

Er glaubte, solange er seinen Daumen hätte, könnte er die Hand noch zum Halten verwenden. Dann hätte er die Fähigkeit zum Greifen. Und in der Tat hatte er seinen Daumen behalten, allerdings die anderen vier Finger der rechten Hand verloren. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht und operiert. Am nächsten Tag kam ein Chirurg und erklärte ihm, wie es weitergehen sollte: Er mußte lernen, sich seiner linken Hand zu bedienen. Die erste Übung, die seine linke Hand darauf vorbereiten sollte, die Aufgabe der rechten zu übernehmen, war eine Standardaufgabe in solchen Fällen: Er mußte eine Halbdollarmünze über die Finger wandern lassen.

Ich brauchte eine halbe Stunde, bis ich es in beien Richtungen konnte, ohne sie fallenzulassen. Nach einer weiteren halben Stunde konnte ich es mit einem Zehncentstück. Zum Frühstück gab es ein gekohtes Ei, noch in der Schale.
Nach ein oder zwei Tagen begann ich mit der linken Hand zu schreiben und stellte fest, daß ich auf dem Kopf und rückwärts schreiben konnte. Die Buchstaben hatten eine etwas andere Neigung, ansonsten unterschied sich die Schrift nicht sonderlich von der meiner rechten Hand.

George war entschlossen, alles mit der linken Hand zu schaffen, was er vorher mit der rechten getan hatte, Und dazu gehörte, spiegelbildlich zu zeichnen.

Um unsere Fähigkeit zu genauem und perspektivisch richtigem Zeichnen zu schulen, mußten wir an der Kunsthochschule ein Auto so entwerfen, daß ein Betrachter, der einen anderen Standpunkt hatte, es richtig sah. Auf diese Weise haben wir wirklich Genauigkeit im Umgang mit perspektivischen Verhältnissen gelernt. Übrigens war eines meiner Lieblingsfächer auf der Junior-Hoghschool Schriftsetzen. Dabei geht man umgekehrt herum und rückwärts vor. Ich konnte das sehr gut.

Nachdem George sich von dem Unfall erholt hatte, arbeitete er als freischaffender Künstler, lebte ein Jahr in England und begann 1962, an einer Junior-Highschool in Palo Alto Kunstunterricht zu geben. Seine Schüler überredeten ihn, einen Kurs in Schmuckherstellung anzubieten. Das wurde George zum Schlüsselerlebnis. Drei Jahre später eröffnete er sein erstes Juweliergeschäft, und seither stellt er Schmuck her - inzwischen seit mehr als dreißig Jahren. 1979 wurde er Dozent an einer bekannten Fachhochschule für Goldschmiede, der Revere Academy in San Francisco

Juwelier wurde ich rund vier Jahre nach der Verstümmelung meiner rechten Hand. Sobald ich wieder damit begann, miene rechte Hand zum Greifen zu benutzen, wurde mir klar, wie wichtig mein Kunststudium war: Man hatte uns beigebracht, mit den großen Armmuskeln zu zeichnen. Selbst für winzigste Details nahmen wir nicht die Finger. Das heißt, ich war schon mehr oder minder darauf trainiert, mit meinem Daumen zurechtzukommen.
Wie ich herausgefunden habe, ist die rechte Hand der Werkzeughalter und die linke der Manipulator. Sie müssen das Werkzeug halten, daß es jedesmal dasselbe macht. Das Werkstück drehen sie dann an die richtige Stelle.
Ganz selten hämmere ich mit der linken Hand. Es ist schwierig, weil sie das Stück, an dem sie arbeiten, greifen müssen. Den Umgang mit den Werkzeugen, die sie für die Schmuckherstellung brauchen, können sie in zwei oder drei Monaten lernen. Aber sie müssen geschärfte Sinne haben. Das Gehör brauchen Sie dafür und das Körpergefühl, das sich einstellt, wenn ein Werkzeug das Werkstück berührt. Nehmen wir beispielsweise an, sie wollen mit dem Schweißbrenner ein Stück Metall erhitzen, ohne es zum Schmelzen zu bringen. Natürlich schauen sie dabei ganz genau hin. Zugleich aber achten sie auch auf das Geräusch des Schweißbrenners. Sie können Veränderungen in der Zusammensetzung des Sauerstoff-Gas-Gemischs hören. Gewißt spielt das Sehen eine große Rolle, aber auch auf das Körpergefühl sind sie angewiesen, das ihnen das Werkzeug vermittelt, wenn sie es richtig halten und wenn es den richtigen Kontakt herstellt.
Beim Feilen oder Hämmern kommt noch das Geräusch hinzu. Wenn sie ein Stück Metall hämmern, ist es, als ob sie eine Glocke läuten, und Feilen ist fast wie eine Katze streicheln.
Ich habe die Erfahrung gemacht, daß ich nur einen ganz einfachen Ring herstellen muß - eine einfache Röhre - , um hinterher ein Hochgefühl zu erleben, wenn ich ordentliche Arbeit geleistet habe. Es macht mir Freude, Dinge herzustellen. So ist das, glaube ich, schon seit meinem vierten Lebensjahr. Stets hat man mich zum Zeichnen angehalten, und immer waren Material und Werkzeuge vorhanden, mit denen ich experimentieren und arbeiten konnte.
Die meisten Menschen, die ich hier ausbilde, besitzen schon erhebliche Erfahrungen in der Schmuckherstellung. Die wichtigste Voraussetzung: das, was ich Werkzeuggefühl nenne, ist bereits vorhanden. Man braucht für diesen Beruf viel Geduld, eine gehörige Portion Selbstkritik und muß ein bißchen introvertiert sein, zufrieden damit, allein zu arbeiten und sich ganz auf seine Arbeit zu konzentrieren.

Als George von seiner Arbeit erzählte, sprach er von einem Èvisuellen VokabularÇ, als beinhalte Schmuck eine nonverbale Geheimsprache. Nach seier Beschreibung kann wenig Zweifel daran bestehen, daß seine Schmuckstücke aus verinnerlichten Regeln hervorgehen, die dafür sorgen, daß die besondere Verbindung von Materialien und Strukturelementen Bedeutung für ihn haben und den Stempel seiner Persönlichkeit tragen. Wodurch unterscheidet sich dieser Prozeß von dem eines Schriftstellers, dessen Geschichten sich aus Wörtern zusammensetzen, deren Beziehungen von den Regeln einer Grammatik bestimmt werden? Sind die kundigen Handbewegungen des Kunsthandwerkers Gesten, die ihre Bedeutung in feste Formen schreiben, wie der Schriftsteller Wörter auf Papier schreibt? Wie weit stimmt dieser Vergleich? Hat er möglicherweise eine Entsprechung in den Aktivitäten des Gehirns?Ç

[Frank R. WIlson: Die Hand, S. 155-158]