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| | Editorial
»Netz« ist in den letzten Jahren ein Kürzel geworden für das
Internet, für neue Formen der Kommunikation und des Krieges, des
Datenaustausches zur Überwachung und Steuerung komplexer und fernliegender
Zusammenhänge - Medizin, Politik, Publizistik und Unterhaltung.
Mit dem Netz keimen Hoffnungen auf neue Möglichkeiten
des Entwerfens und Chancen für neue Beziehungen scheinen überall zu
lauern. »Netz« und »Netzwerk« avancierten zu Chiffren,
gelten als Bestimmungen für das Wesen der letzten zehn Jahre, zu Recht
wohl nur insofern, als dass das Internet neue Formen der Vernetzung
tatsächlich zustande gebracht hat. Dabei überlagern sich technische
mit sozialen Zusammenhängen, neue Technologien spuren hergebrachte
Verhältnisse
und Verhaltensweisen ein und oftmals wird bei all der neuen, smarten Technik
die soziale Funktion verdrängt, unterschlagen, schlicht: übersehen.
Das letzte viertel Jahr hat gezeigt, dass die neuen
technischen Qualitäten nicht von selbst in soziale Veränderungen
umschlagen: bei all der Normiertheit, Formatiertheit, Gleichgültigkeit und
Standardisierung, bei all der Billigkeit und Adaptationsfähigkeit, die das
Technische mit sich bringt, hat sich gezeigt, dass Netze nicht von selbst
demokratisch sind, nicht an sich offen und horizontal, sondern ebenso
hierarchisch, geschlossen, vertikal. Das oft verbreitete Bild des Ausgleichs
und der Gleichheit im oder durchs Netz erweist sich als ein Irrtum, als
ideologisches Bild. Obwohl das Technische das Soziale formt, indem es besondere
Haltungen und Handlungsweisen ausbildet, bestimmt doch das Soziale das
Technische: Jede technische Entwicklung kennt einen Auftraggeber und einen
Entwickler.
Der Begriff des Netzes ist älter als das Internet, er
ist vielfältig, verästelt, verwickelt. Ein Netz kann etwas sein zum
Tragen, zum Fischen, ein Netz kann etwas sein, das zusammengebunden ist,
verflochten, entweder aus einem Faden wie beim Häkeln und Stricken, oder
aus mehreren Fäden, wie beim Weben - Textur aus Knoten und Weg. Ein Netz
kann wachsen als eine verwandtschaftliche Bindung oder aus gleicher sozialer
Lage - egal, ob frei gewählt oder unverschuldet.
Netze sind nicht statisch, nicht unveränderlich, auch
sie unterliegen der Zeit. Im Unterschied zu technischen Netzen, die veralten
und durch neuartige, leistungsfähigere ersetzt werden müssen, werden
soziale Netze in der Geschichte bewahrt, beständig umgebaut und
angepaßt.
Die Beiträge in diesem Heft entwickeln die Dialektik
des Technischen und Sozialen in unterschiedlichen Netzzusammenhängen,
Vernetzungsarten, Bindungsgeflechten.
Ist das Internet wirklich mehr als ein militärisches
Arrangement komplexen Nachrichtenverkehrs, das auch unterhaltsam sein kann?
Sind selbstbestimmte kooperative Bindungen, wie sie am
Bauhaus gegen alle Tradition geknüpft worden sind, stabil genug für
einen andauernden avantgardistischen Gestaltungsanspruch?
Können die gleichrichtenden Tendenzen der
Internettechnologien zur Unterminierung privater Verfügungsgewalt, von
ausbeutenden Monopolstellungen genutzt werden?
Können technische Strukturzusammenhänge - wie es
Gewebe sind - kulturell aufgeladen werden, wenn die Konstruktionsregeln von
allen geteilt werden?
Ist ein Netz überhaupt nur von der Struktur her zu
verstehen, in denen die Spannungskräfte laufen, oder doch vielmehr von den
Räumen, die diese Stränge umschließen, von den Maschen, die die
Fäden bilden?
Ist die Kraft, die durch ein Netzwerk fließt, die
Spannung, unter der es steht, nur für und in diesem Netz existent und also
ein Selbstzweck oder ist das Soziale und Politische, das an den Netzen sichtbar
wird, doch eher etwas, das die technische Struktur nur nutzt, um Ziele der
Befreiung und Unterdrückung auf möglichst komplexe Weise
durchzusetzen?
form+zweck veröffentlicht die Beiträge des 3.
Rotis-Symposiums »Vom Handeln im Netz. Dimensionen der
Globalisierung«, veranstaltet vom Ulmer Museum/ HfG Archiv Ulm im Mai
2001 anläßlich Otl Aichers Geburtstag. Die Idee zu den Symposien
stammt von Florian Aicher, der Intendant des 3. Symposiums war Chup Friemert.
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