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Ganz früh in unserem Jahrhundert, gerade als in gewissen Kreisen die
Verabredung getroffen wurde, sich nicht länger Dekorateur oder Kunst-Handwerker
nennen zu lassen, schenkte ein Mann der Welt die Erkenntnis, daß
überschüssige Formkraft ein Verbrechen sei. Zunächst schien er die
Henry-van-de-Velde\'s nur zur Disziplin zu rufen; sie sollten dem rationellen
Produktionsprozeß ihr Herzblut nicht entgegenströmen - das kompliziere die
Produktionsarbeit und rechne sich nicht. Ein Gutteil der Gründe für diese
Argumentation entsprang aber weniger der Sorge um rationalitätsgerechtes
Entwerfen als vielmehr dem Ekel, daß Gestaltung, statt sich auf kulturell
ermöglichte Einfachheit zu besinnen, auf den Entwurf immer neuer
Bedeutungsschichten hinausliefe, mit denen man die Gegenstände persönlich
machen könnte. Auf sehr hintergründige Art hat der Beethovenfreund damit auf
das Auseinandertreten von gegenständlich-räumlicher Gestaltung und ihrer
medialen Vermittlung reagiert. Erst in der digitalisierten Welt offenbart die Ächtung des
Ornaments als Verbrechen ihre ganze Dramatik: Welcher Einfachheit, welcher
substantiellen Funktion soll der Former heute folgen? Die bits, auf denen die
elektronischen Systeme beruhen, sind Informationseinheiten jenseits des kulturellen und
symbolischen Raums der Sprache, Schaltvarianten, nichts an ihnen ist Form,
ästhetisch gesehen sind sie reiner Inhalt. Die Generation von Gegenständen,
Flächen, Layouts, Buchstaben steckt strukturell im ornamentalen Dilemma: alle
Gestaltung per Computer erzeugt nur ansetzende Kunstformen, Bedeutungsvermittlungen
zum Menschen hin. Es ist kein Zufall, daß die Ablösung des
Gestaltungsrepertoires des klassischen Funktionalismus im Zeitalter der elektronischen
Medien mit der Frage begann, ob das Ornament nicht schon immer funktional gewesen sei.
Zeitgleich expandieren im Sektor ästhetischer Gestaltungsarbeit jene Disziplinen, die
informationstheoretisch fundiert sind: die visuelle Kommunikation reicht mit ihrem
theoretischen Inventar schließlich bis in den inner circle des klassischen
Designentwurfs hinein - Haushaltsroboter mit Brüsten zum Drücken, phallische
Kondomautomaten in Sperma-Fließform, Leuchten, die auf den Hund gekommen sind
- semiotisch geht die Welt zugrunde. Ernsthafte Versuche, sich den digitalisierten
Informationsströmen zu stellen, laufen unter information design - eine Disziplin,
die - wie die Rechenmaschine - aus statistischen Gründen entstanden ist. Das
Unterfangen, Information zu gestalten, ist, will es nicht bloße Andienung des Menschen
an die Maschine sein, noch reines Wunschdenken. Fernsehen als Durchgangsform
Die digitale Struktur ist dem souveränen Gebrauch von vornherein unähnlich -
keine Handlung, die zerlegt und nach bestimmten Optimierungskriterien (Rationalität
in Fertigung und Gebrauch, ökologische Unbedenklichkeit, Selbstausdruck des
Subjekts etc.) neuartig synthetisiert werden könnte. Die crux ist, daß
Wirklichkeit in die digitale Struktur erst übersetzt werden muß (translation).
Dieser Schritt aber liegt in den Händen der hard- und software engineers, die
nicht übersetzen, sondern digital-apparative Möglichkeitsspektren
erschließen. Diese Erschließung von digitalen Möglichkeitsräumen
ist, gerade im Verzicht aus Translation, Bruch mit der herkömmlichen Welt und ihrer
Handlungsorientierungen. Wenn ein Indianer Rauchzeichen sendet, die marines
über Flaggenfiguren kommunizieren, so sind diese neuen Medien funktional von den
Ursprungsmedien her intendiert - für bestimmte Aussagegehalte wird eine besondre
Form der Übertragung gesucht - just like Morse. Selbst der
frühantikische Übergang zur alphabetisch gefaßten Sprache, die Zerlegung
von Wort- und Silbenbedeutungen in buchstäbliche Grundbausteine, ein Prozeß,
der am ehesten noch zur Digitalisierung analog gedacht werden kann, ist vom
Lautsprachlichen her bestimmt. Die bits aber kann man weder hören, noch
schmecken, sie sind keine Ableitungen von Voraussetzungen, nicht intentional, sondern
das GanzAndere. Digitale Information stinkt nicht. Die Devise heißt dann auch
nicht mehr Gesamtkunst- sondern Gesamtdatenwerk, denn Information, die nicht stinkt,
macht, daß der Computer zu Dir nicht spricht.
So gesehen erscheint das ganze Gerede von der Kreativität, die der Computer
ermögliche, als reine Sprechblase: Digitale Technik wird darin noch bewertet nach
den Kriterien der alten techné - so, als hätte Gestaltung am human
interface - also der eigens für den Menschen eingerichteten Schnittstelle - etwas
mit besonderen Fertigkeiten der Hervorbringung zu tun.
Die Èneue SensibilitätÇ, die den mtv-videos anhängt, darf in
demselben Maße gefeiert werden, wie die Disziplinierung des Bauern durch die
Maschinensysteme der Massenproduktion. Denn die Möglichkeitsspektren, die in den
personal computers erscheinen, sind militärstrategischen oder
bürokratischen Urspungs, sie folgen den Selektionskriterien der NASA. Sinnlich
gesehen sind wir im Bedienen der digitalen Technik auf den Tiefpunkt animalischer
Aggression zurückgefallen: das Bewegungsrepertoire ist beschränkt auf
abwartendes Rumsitzen, verkralltes Halten der mouse und einer Tast- und
Druckbewegung, die auf seiten des Gegenparts gezielte Reaktionen hervorrufen soll - das
ist simples Beutefangverhalten. Die Simplizität wird technisch noch unterstützt:
kein Körper mehr - die Fläche wird zum Interface. Was einstmals
avantgardistisch genannt wurde, die Entgrenzung der Kunst ins Leben per Gestaltung,
ästhetisch der Vorstoß von der Fläche zum Raum, erscheint heute in einer
reverse. Und nicht einmal dies scheint das Ende zu sein: wenn
voice-interfaces die altmodische Tastatur ersteinmal abgelöst haben werden,
steht der Symbiose mit dem digitalen Systems kein Widerstand mehr entgegen - die
Grenzen zwischen Mensch und Maschine werden mit bioelektronischen Sonden zersiedelt
werden wie die Landschaft am Rande der Metropolen durch die Schwäbisch-Haller
Einfamilienhäuser.
Das kirrige Gefühl, das die Ineinssetzung von Ornament und Verbrechen beim
heutigen Leser hervorruft, entstammt dem wohligen Einverständnis: was ehemals
drastisch gemeint war, Polemik gegen kulturelle Degeneration, ist heute Gegenstand von
Identifikation und Unterhaltung - via media ist der Voyerismus am Verbrechen zum
alltäglichen Regenerationsfaktor, ja zur Stimulans geworden. Man muß
verbrechen, um innovativ - und das heißt weiter als der Nebenmann - zu sein. Kritik am
Ornament hat deshalb heute keinen Nerv mehr, weil das Verbrechen seine substantielle
Form verloren hat: mit den Händen wird bestenfalls auf dem Bildschirm getötet.
Diesen Zustand von Flimmrigkeit erträglich zu machen, d.h. ihn kulturell zu
sedimentieren, dürfte eine der zukunftsweisenden Designaufgaben sein. Es ginge
dabei um nicht weniger als um die einverständige Verkehrung des
Verhältnisses von Mensch und Maschine, um die Gestaltung einer Abfindung. Die
Bedientableaus, die uns - Knöpfe und Zeiger werden weniger - so sirenisch ihre
Tasten und Schirmchen entgegenleuchten sind schon inauguriert als nervöse
Schnittstellen zum nach außen gestülpten Zentralnervensystem - ein
Glück, daß Du tot bist, Adolf Loos.
Jörg Petruschat
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