form+zweck 4+5
Visuelle Kommunikation.
Information Design


editorial

Jörg Petruschat
Die Moderne - räumlich. Die Jarama-Front

Claude Schnaidt
Die Moderne - methodisch.
Verspäteter Zusatz zur “Einführung in die Modernität” von Henri Lefebvre


Markus Schmölz
Mein Vater sieht aus wie Elvis Presley


Jacqueline Berndt
Im Land der Bilder


Anke Feuchtenberger | Holger Fickelscherer
Keine anonymen Sachen!

Erik Spiekermann
Dann könnte ich ja malen, was ich will (Gespräch)

Thomas Rurik
ISOTYPE

Michael Burke
Was ist information design?


Thomas Rurik
Synchronopsen als Gestaltungsnedien

Peter Wildbur
Micro Gallery

Joachim Krausse
Über das Bauen von Weltbildern

Kashiwagi Hiroshi
Print-Kultur in der Gegenwart

Simone Hain
Kultur und Kohle.
Mart Stam in der DDR II


Klaus Körner
Politische Kleinschriften I

Claudia Rodegast
Der Konsum-Kasper kommt

Volker Handloik
Punkt, Punkt, Komma, Strich

Beate-Mechthild Schulz
Müll. Zur Geschichte eines Problems.
Die Sammlung und Verwertung städtischer Abfallstoffe in Deutschland von 1850-1945 (Teil II)


Heinz Hirdina
Slowakei: Der Weg in die Moderne


Michael Klar
Globoskope - Die Welt im Modell
Ein Projekt des Laboratoriums der Zivilisation


Gui Bonsieppe
Kartographie des Projekt der Moderne


Sophie Alex
Warum geht ihr eigentlich noch hin? (Umfrage)


Carsten Behm
Warum geht ihr eigentlich noch hin?


Steffi Gränitz
Warum geht ihr eigentlich noch hin? (Umfrage)


Antje Gülzow
Warum geht ihr eigentlich noch hin?


Tom Kaden
Warum geth ihr eigentlich noch hin? (Umfrage)


Maren Kastner
Warum geht ihr eigentlich noch hin?


Jörg Metze
Warum geth ihr eigentlich noch hin? (Umfrage)


Sabine Teutloff | Thomas Wagner
Warum geht ihr eigentlich noch hin? (Umfrage)


Jörg Dammköhler | Lutz Gelbert | Bernd Glier
Seid Ihr noch zu retten? (Umfrage)


Heinz Hirdina
Seid Ihr noch zu retten? (Umfrage)

Klaus Jürgen Kis-Fritzsche | Sabine Klopfleisch | Ursula Schröder | Klaus Stützner
Seid Ihr noch zu retten? (Umfrage)


Margrit Böthig
Der Wallwitzhafen


Simon Clarke
Sammelsurium

Rainer Funke
Chronologie der Veränderungen


Simone Hain
Vom Instrument zum Monument?


Angelika Petruschat
Büchin-Design


Thomas Rurik
Was ist information design?

Walter Scheiffele
Wege in die Industrie (3)


Ralf Schulze
KaDeWe


Ralf-Michael Seele
Digitale Träume - Virtuelle Welten


Bernd Sikora
Verlorene Orte


Martin Stein
Industrielles Gartenreich


Michael Suckow
In der DDR heißt Plastik Plast


Jan-Christoph Thieme | Martin Traub | Thomas Trebstein
Chronologie der Veränderungen






Editorial

 

Ganz früh in unserem Jahrhundert, gerade als in gewissen Kreisen die Verabredung getroffen wurde, sich nicht länger Dekorateur oder Kunst-Handwerker nennen zu lassen, schenkte ein Mann der Welt die Erkenntnis, daß überschüssige Formkraft ein Verbrechen sei. Zunächst schien er die Henry-van-de-Velde\'s nur zur Disziplin zu rufen; sie sollten dem rationellen Produktionsprozeß ihr Herzblut nicht entgegenströmen - das kompliziere die Produktionsarbeit und rechne sich nicht. Ein Gutteil der Gründe für diese Argumentation entsprang aber weniger der Sorge um rationalitätsgerechtes Entwerfen als vielmehr dem Ekel, daß Gestaltung, statt sich auf kulturell ermöglichte Einfachheit zu besinnen, auf den Entwurf immer neuer Bedeutungsschichten hinausliefe, mit denen man die Gegenstände persönlich machen könnte. Auf sehr hintergründige Art hat der Beethovenfreund damit auf das Auseinandertreten von gegenständlich-räumlicher Gestaltung und ihrer medialen Vermittlung reagiert. Erst in der digitalisierten Welt offenbart die Ächtung des Ornaments als Verbrechen ihre ganze Dramatik: Welcher Einfachheit, welcher substantiellen Funktion soll der Former heute folgen? Die bits, auf denen die elektronischen Systeme beruhen, sind Informationseinheiten jenseits des kulturellen und symbolischen Raums der Sprache, Schaltvarianten, nichts an ihnen ist Form, ästhetisch gesehen sind sie reiner Inhalt. Die Generation von Gegenständen, Flächen, Layouts, Buchstaben steckt strukturell im ornamentalen Dilemma: alle Gestaltung per Computer erzeugt nur ansetzende Kunstformen, Bedeutungsvermittlungen zum Menschen hin. Es ist kein Zufall, daß die Ablösung des Gestaltungsrepertoires des klassischen Funktionalismus im Zeitalter der elektronischen Medien mit der Frage begann, ob das Ornament nicht schon immer funktional gewesen sei. Zeitgleich expandieren im Sektor ästhetischer Gestaltungsarbeit jene Disziplinen, die informationstheoretisch fundiert sind: die visuelle Kommunikation reicht mit ihrem theoretischen Inventar schließlich bis in den inner circle des klassischen Designentwurfs hinein - Haushaltsroboter mit Brüsten zum Drücken, phallische Kondomautomaten in Sperma-Fließform, Leuchten, die auf den Hund gekommen sind - semiotisch geht die Welt zugrunde. Ernsthafte Versuche, sich den digitalisierten Informationsströmen zu stellen, laufen unter information design - eine Disziplin, die - wie die Rechenmaschine - aus statistischen Gründen entstanden ist. Das Unterfangen, Information zu gestalten, ist, will es nicht bloße Andienung des Menschen an die Maschine sein, noch reines Wunschdenken. Fernsehen als Durchgangsform Die digitale Struktur ist dem souveränen Gebrauch von vornherein unähnlich - keine Handlung, die zerlegt und nach bestimmten Optimierungskriterien (Rationalität in Fertigung und Gebrauch, ökologische Unbedenklichkeit, Selbstausdruck des Subjekts etc.) neuartig synthetisiert werden könnte. Die crux ist, daß Wirklichkeit in die digitale Struktur erst übersetzt werden muß (translation). Dieser Schritt aber liegt in den Händen der hard- und software engineers, die nicht übersetzen, sondern digital-apparative Möglichkeitsspektren erschließen. Diese Erschließung von digitalen Möglichkeitsräumen ist, gerade im Verzicht aus Translation, Bruch mit der herkömmlichen Welt und ihrer Handlungsorientierungen. Wenn ein Indianer Rauchzeichen sendet, die marines über Flaggenfiguren kommunizieren, so sind diese neuen Medien funktional von den Ursprungsmedien her intendiert - für bestimmte Aussagegehalte wird eine besondre Form der Übertragung gesucht - just like Morse. Selbst der frühantikische Übergang zur alphabetisch gefaßten Sprache, die Zerlegung von Wort- und Silbenbedeutungen in buchstäbliche Grundbausteine, ein Prozeß, der am ehesten noch zur Digitalisierung analog gedacht werden kann, ist vom Lautsprachlichen her bestimmt. Die bits aber kann man weder hören, noch schmecken, sie sind keine Ableitungen von Voraussetzungen, nicht intentional, sondern das GanzAndere. Digitale Information stinkt nicht. Die Devise heißt dann auch nicht mehr Gesamtkunst- sondern Gesamtdatenwerk, denn Information, die nicht stinkt, macht, daß der Computer zu Dir nicht spricht.

So gesehen erscheint das ganze Gerede von der Kreativität, die der Computer ermögliche, als reine Sprechblase: Digitale Technik wird darin noch bewertet nach den Kriterien der alten techné - so, als hätte Gestaltung am human interface - also der eigens für den Menschen eingerichteten Schnittstelle - etwas mit besonderen Fertigkeiten der Hervorbringung zu tun.

Die Èneue SensibilitätÇ, die den mtv-videos anhängt, darf in demselben Maße gefeiert werden, wie die Disziplinierung des Bauern durch die Maschinensysteme der Massenproduktion. Denn die Möglichkeitsspektren, die in den personal computers erscheinen, sind militärstrategischen oder bürokratischen Urspungs, sie folgen den Selektionskriterien der NASA. Sinnlich gesehen sind wir im Bedienen der digitalen Technik auf den Tiefpunkt animalischer Aggression zurückgefallen: das Bewegungsrepertoire ist beschränkt auf abwartendes Rumsitzen, verkralltes Halten der mouse und einer Tast- und Druckbewegung, die auf seiten des Gegenparts gezielte Reaktionen hervorrufen soll - das ist simples Beutefangverhalten. Die Simplizität wird technisch noch unterstützt: kein Körper mehr - die Fläche wird zum Interface. Was einstmals avantgardistisch genannt wurde, die Entgrenzung der Kunst ins Leben per Gestaltung, ästhetisch der Vorstoß von der Fläche zum Raum, erscheint heute in einer reverse. Und nicht einmal dies scheint das Ende zu sein: wenn voice-interfaces die altmodische Tastatur ersteinmal abgelöst haben werden, steht der Symbiose mit dem digitalen Systems kein Widerstand mehr entgegen - die Grenzen zwischen Mensch und Maschine werden mit bioelektronischen Sonden zersiedelt werden wie die Landschaft am Rande der Metropolen durch die Schwäbisch-Haller Einfamilienhäuser.

Das kirrige Gefühl, das die Ineinssetzung von Ornament und Verbrechen beim heutigen Leser hervorruft, entstammt dem wohligen Einverständnis: was ehemals drastisch gemeint war, Polemik gegen kulturelle Degeneration, ist heute Gegenstand von Identifikation und Unterhaltung - via media ist der Voyerismus am Verbrechen zum alltäglichen Regenerationsfaktor, ja zur Stimulans geworden. Man muß verbrechen, um innovativ - und das heißt weiter als der Nebenmann - zu sein. Kritik am Ornament hat deshalb heute keinen Nerv mehr, weil das Verbrechen seine substantielle Form verloren hat: mit den Händen wird bestenfalls auf dem Bildschirm getötet. Diesen Zustand von Flimmrigkeit erträglich zu machen, d.h. ihn kulturell zu sedimentieren, dürfte eine der zukunftsweisenden Designaufgaben sein. Es ginge dabei um nicht weniger als um die einverständige Verkehrung des Verhältnisses von Mensch und Maschine, um die Gestaltung einer Abfindung. Die Bedientableaus, die uns - Knöpfe und Zeiger werden weniger - so sirenisch ihre Tasten und Schirmchen entgegenleuchten sind schon inauguriert als nervöse Schnittstellen zum nach außen gestülpten Zentralnervensystem - ein Glück, daß Du tot bist, Adolf Loos.

Jörg Petruschat