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| | Editorial
Merkwürdig, daß der Glaube, die eigene Zeit für den Endpunkt alles
Weltgeschichtlichen zu halten, hier und jetzt erfülle sich der Sinn des historischen
Verlaufs, daß dieser Glaube so stark zu sein vermag. Gewohnt, mit etwas Häme
auf den Hegel hinabzuschauen, der den Weltgeist zu Pferde sah und den Zustand
seiner Welt für den Notwendigen hielt, unterhält sich mit der Katastrophe, auf die
man früher starrte.
Trotzig wird der Abfall ins Duale System sortiert.
Vielleicht aber kommt doch nicht alles zu Ende, das heißt, vielleicht geht doch nicht
alles ewig so weiter. Vielleicht war das benjaminische Diktum, die Moderne sei die
Wiederkehr des Ewig Gleichen, gar nicht als Verheißung gemeint, sondern als
bloße Beschreibung.
Als J. J. Winckelmann südwärts fuhr, um der Griechen Größe
nachzuspüren, den Deutschen zu verkünden, wie um aller Welt man selber
groß, wenn möglich gar unnachahmlich werden könne, war alles, was die
Philister hierzulande verstanden, man brauche für die Griechen einen Stilbegriff.
Seither gibt es deutsche Kunstwissenschaft. Und die Frage, welcher Stil denn der
Unnachahmlichkeit der Deutschen der Gemäßeste wär.
Das Gegenteil von Stil haben, tönte es noch vor Jahren, heiße nicht
etwa Keinen Stil haben, sondern keinen eigenen Stil zu haben. Und da liegt das
Problem. Heute, in einer Zeit starker Ordnungspolitik, debattiert ein Ulmer (sic!)
Freundeskreis über Neue Einfachheit. Hat die Moderne - stilistisch gesehen -
ihre Differenzkapazität erreicht, sogar überschritten? Und: folgte auf
Differenzierung nicht immer schon Unifizierung, beginnen neue ästhetische
Weltverhältnisse nicht aller Erfahrung nach auf ebenso unbehauene wie unmerkliche
Weise?
Reif (im stilistischen Sinne unnachahmlich) war die Moderne im globalen Design des
zweiten Weltkriegs. Dessen eine Charakteristik: die Bürokratie der Vernichtung, die
rationalisierte Vernichtungsarbeit von Blitzkrieg und Warschauer Ghetto. Die
Bürokratie ist die Quelle der digitalen Ästhetik: durch sie ist das Ja-Nein-System
getestet worden.
Die Folgerung, daß das Design nun am Ende sei, ist im Andenken an den alten
Herrn formuliert und meint ganz in dem Sinne, den er dem Ende der Kunst zudachte, nicht,
daß es fortan kein Design mehr gäbe, meint nur: die wesentlichen Aufgaben
sind gelöst. Schön, daß es so ist. Wovon darf man sich freudig
verabschieden? Die Passage ist ausgebaut. Doch Vorsicht. Euphorie, sagt ein guter
Freund, ist der Anfang allen Schreckens.
Jörg Petruschat
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