form+zweck 9+10
Kleine Weltlaterne, Art Déco



editorial

Justus Theinert
Zwischen Übermut und Bitterkeit.
Designausbildung in Europa


Ulrike Brandi
Fluorescentlighting


Rainer-W. Ernst
Wirklichkeit und Differenz. Urbanisierung in der Dritten Welt


Elisabeth Linnebuhr
Zawadi Ni Tunda La Moyo.
Die Kleidersprache der Swahili-Frauen in Ostafrika


Jaechoon Yoo
The Lying Land


Kenji Ekuan
Eine neue Religion? (Gespräch)


Monika Fecht
L‘Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes Paris 1925.
Teil I: Ausstellung und Rundgang im Grand Palais


Heinz Hirdina
The Avant-garde and the Way to Byzanz.
The Relationship of Antagonistic Brothers in Art Deco


Jörg Petruschat
Was man schon immer über den deutschen Haushalt wußte und sich deshalb nicht zu fragen traute

Heinz Hirdina
Design, Mirror du Siècle






Editorial

 

Merkwürdig, daß der Glaube, die eigene Zeit für den Endpunkt alles Weltgeschichtlichen zu halten, hier und jetzt erfülle sich der Sinn des historischen Verlaufs, daß dieser Glaube so stark zu sein vermag. Gewohnt, mit etwas Häme auf den Hegel hinabzuschauen, der den Weltgeist zu Pferde sah und den Zustand seiner Welt für den Notwendigen hielt, unterhält sich mit der Katastrophe, auf die man früher starrte.

Trotzig wird der Abfall ins Duale System sortiert.

Vielleicht aber kommt doch nicht alles zu Ende, das heißt, vielleicht geht doch nicht alles ewig so weiter. Vielleicht war das benjaminische Diktum, die Moderne sei die Wiederkehr des Ewig Gleichen, gar nicht als Verheißung gemeint, sondern als bloße Beschreibung.

Als J. J. Winckelmann südwärts fuhr, um der Griechen Größe nachzuspüren, den Deutschen zu verkünden, wie um aller Welt man selber groß, wenn möglich gar unnachahmlich werden könne, war alles, was die Philister hierzulande verstanden, man brauche für die Griechen einen Stilbegriff. Seither gibt es deutsche Kunstwissenschaft. Und die Frage, welcher Stil denn der Unnachahmlichkeit der Deutschen der Gemäßeste wär.

Das Gegenteil von Stil haben, tönte es noch vor Jahren, heiße nicht etwa Keinen Stil haben, sondern keinen eigenen Stil zu haben. Und da liegt das Problem. Heute, in einer Zeit starker Ordnungspolitik, debattiert ein Ulmer (sic!) Freundeskreis über Neue Einfachheit. Hat die Moderne - stilistisch gesehen - ihre Differenzkapazität erreicht, sogar überschritten? Und: folgte auf Differenzierung nicht immer schon Unifizierung, beginnen neue ästhetische Weltverhältnisse nicht aller Erfahrung nach auf ebenso unbehauene wie unmerkliche Weise?

Reif (im stilistischen Sinne unnachahmlich) war die Moderne im globalen Design des zweiten Weltkriegs. Dessen eine Charakteristik: die Bürokratie der Vernichtung, die rationalisierte Vernichtungsarbeit von Blitzkrieg und Warschauer Ghetto. Die Bürokratie ist die Quelle der digitalen Ästhetik: durch sie ist das Ja-Nein-System getestet worden.

Die Folgerung, daß das Design nun am Ende sei, ist im Andenken an den alten Herrn formuliert und meint ganz in dem Sinne, den er dem Ende der Kunst zudachte, nicht, daß es fortan kein Design mehr gäbe, meint nur: die wesentlichen Aufgaben sind gelöst. Schön, daß es so ist. Wovon darf man sich freudig verabschieden? Die Passage ist ausgebaut. Doch Vorsicht. Euphorie, sagt ein guter Freund, ist der Anfang allen Schreckens.

Jörg Petruschat